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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Freitag, 3. Juni 2016

Von der Arbeit mit einer Schamanentrommel - Teil I

Die Trommel eines Schamanen ist nicht einfach ein totes Ding zum Draufhauen, das Geräusche macht, sondern ein lebendiges Wesen, ein Reittier und Gefährte für Reisen in Realitäten jenseits der Grenzen des Alltäglichen, in die Nichtalltägliche Wirklichkeit (kurz NAW). Daneben ist sie das bekannteste und weltweit bedeutendste schamanische Multifunktionswerkzeug. Die Trommel ist sozusagen das Schweizer Taschenmesser unter den Instrumenten. In beiden Fällen muss man schon damit umzugehen wissen...
Am Üblichsten für den schamanischen Gebrauch sind dabei Rahmentrommeln, bestehend aus einem runden, ovalen, polygonalen (meist acht- oder sechseckigen) oder natürlich geformten Holzrahmen, der mit einer rohen Tierhaut (mit oder ohne Fell) im nassen Zustand bespannt worden ist. In die Bespannung kann ein Griffstück eingearbeitet sein, das den Umgang mit der Trommel erleichtert und zudem die gestalterische Möglichkeit bietet ein Portal zur NAW, Krafttiere, Hilfsgeister oder Götter hier zu manifestieren. Der gleiche Effekt kann auch durch Bemalen der Tierhaut erreicht werden. Traditionell finden sich darauf auch Karten der NAW, sowie andere magische und heilige Bilder und Zeichen. Beim Bau einer eigenen Trommel sollte man sich auch die Möglichkeit offen lassen weitere Kraftgegenstände, Glöckchen, Schellen und Schnüre später anbringen zu können. Auf diese Weise kann man die sie im Laufe ihrer Nutzung weiter ehren, nach individuellen Bedürfnissen entwickeln und so zu einem über viele Jahrzehnte nutzbaren Universalwerkzeug werden lassen. Da es zum Trommelbau bereits umfangreiche Literatur und Kurse gibt, beziehe ich mich ausschließlich auf ausgewählte Aspekte der Nutzung. Grundsätzlich ist zu beachten, das schamanische Arbeit kein Dogma darstellt und somit von den hier beschriebenen Varianten abweichen kann. Man sollte sich in erster Linie selbst Gedanken dazu machen, wie man seine Trommel einsetzen möchte und kann natürlich auch einen Geistlehrer dazu um Rat fragen. Dennoch arbeitet jeder Schamanisch Praktizierende eigenverantwortlich und sollte sich nicht künstlich zum Spielball der Geister machen. 

Einige Einsatzmöglichkeiten der Schamanentrommel
(einige Punkte können sich überschneiden)
  • Tranceerzeugung
  • Rituelle (Klang-)Reinigung
  • Herstellung ausgeglichener Zustände - Harmonisierung
  • Bannung
  • Exorzismus
  • Heilung
  • Zum Kanalisieren und Überbringen
  • Beschwörung von Geistwesen
  • Als Sitz der Hilfsgeister
  • Fangen von Geistwesen/Seelenteilen
  • Als Karte der NAW
  • Als Medium für Schutzzauber/Schild
  • Der Trommelstock als rituelle "Waffe"
  • Als Platz für Gebetsschnüre 
  • Zum Transport von Gebeten zur Gottheit

Belebung der Trommel

Wer dieses heilige Instrument aus eigener Kraft mit Herz und Seele herstellt, der beseelt sie gleichsam mit einem Teil seiner Selbst. Die Charakterzüge des Trommelgeistes kann man durch Willenssätze und Intentionen, aber auch die eigene Stimmung und Konzentration bei der Arbeit formen. Ebenso wichtig ist dabei auch die gezielte Auswahl der Materialien. Qualität steht dabei vor Quantität, denn schließlich wird das hier ein wundervolles Lebewesen, kein Massenprodukt. Wer schon in den Grundlagen beginnt, sich tiefgründige Gedanken zu machen, auf Nachhaltigkeit, Legalität und passende Krafteigenschaften zu achten, kann einen besonders starken und heilwirksamen Geist erzeugen. 
Die Form des Rahmens, der Baum, aus dem dem er besteht, die Herkunft, Bezüge zu Mythen und persönlichen Erfahrungen, Gewicht, Klang und auch Sinneseindrücke wie die Optik oder der Geruch können entscheidende Faktoren sein, die eine komplexe Symbolik und Sinngebung schon an dieser Stelle möglich machen. Auch praktische Überlegungen sind angebracht: Wie groß und schwer darf meine Trommel sein, um gleichzeitig mobil zu sein? Welche Materialien bieten den von mir erwünschten Klangeffekt? Im (heute seltenen möglichen) Optimalfall sollte man, wie die traditionellen Schamanen, in der Lage sein Einfluss auf das Fälldatum (-> Astrologie) zu nehmen oder sollte den Baum sogar mit Hilfe der eigenen Spirits auswählen. Aber auch ohne diese Möglichkeit kann man den Herstellungszeitpunkt an der Phase des Mondes und der Stellung der Sterne ausrichten und somit positive Einflüsse für die spätere Arbeit generieren. Wer dem nicht bewandert ist, sollte einfach seiner Intuition vertrauen oder seinen Geistlehrer fragen. Ähnliche Gedanken spielen bei der Auswahl der rohen Tierhaut eine Rolle. In traditionellen Schamanismen ist hier das Alter und Geschlecht, sowie die Farbe des Tieres oft bedeutsam. Manchmal passt es sogar das eigene Krafttier auf diese Weise in die schamanische Praxis einzubinden, sofern es dem seinen Segen gibt, also auch kein Tabu der Nutzung seiner Körperteile erteilt hat. Sollte das Krafttier jedoch kein Säugetier sein, so lassen sich auch Federn, Krallen, Zähne oder Fischschuppen, sowie Entsprechungen aus Metall. Holz, Ton oder anderer Modelliermasse später anhängen.
Bevor man das Trommelleder auf den Rahmen spannt, muss es im Wasser flexibel gemacht werden. Durch Zugabe von kraftvollen Kräutern in das warme Wasser kann der Trommelgeist weiter energetisiert, mit Bedeutung und Leben gefüllt werden. Tabakblätter sind eine besonders stärkende Zutat. Doch Vorsicht: Da sich Nikotin in gesundheitsgefährdend hohen Mengen im Wasser löst, sollte man bei der Arbeit wasserfeste Handschuhe tragen und auf keinen Fall etwas von dem Tabakwasser innerlich einnehmen.
Indem man bei der abschließenden Bemalung der Trommel ein Gesicht verleiht, kann man selbst bei einem gekauften Instrument noch eine aktive  Belebung herbeiführen.
Weitere Möglichkeiten bieten das Opfer von eigenen Blut, das Einhauchen von Lebenskraft, das Besprenkeln mit Alkohol, Tabak- oder anderen Kräuterwässern, das magische Besprechen und das Bestreichen mit Fetten und Ölen (immer erst nach dem Bemalen!). Meiner Erfahrung nach verlangen die Geister belebter Objekte immer ein Blutopfer, auch wenn man gar nicht beabsichtigt eines zu geben. Auf mysteriöse Weise schneidet oder sticht man sich, auch wenn einen das sonst nicht passiert und man noch so gut sein Handwerk beherrscht... Da das Blut von dem Leder regelrecht eingesogen wird, kann man damit sogar seine Trommel künstlerisch gestalten, wenn man will.


Unterhaltung und Pflege einer belebten Trommel

Eine so belebte Schamanentrommel sollte sicher und geschützt vor Haustieren, uneingeweihten Personen und Beschädigungspotential, sowie zu starker Trockenheit oder Feuchtigkeit würdevoll aufbewahrt werden. Hierzu kann man sie entweder einfach in den Altaraufbau einbeziehen oder sie in einem Schrank, einer Tasche oder einem Koffer aufbewahren. Macht am Besten eine Geistreise zum Spirit eurer Trommel und fragt ihn, wie er behandelt oder gepflegt werden will.
Manche werden nach kurzer Zeit unbespielbar und verweigern ihre Kooperation, wenn sie nicht gefüttert werden. Das kann ähnlich wie bei der Belebung durch Besprenkeln mit diversen energetisch nährwertreichen Flüssigkeiten geschehen, durch das Einreiben mit bestimmten Kräutern oder Ölen, das Aufstellen und Widmen von Getränken und Speisen vor der Trommel durch Beräuchern oder anpusten mit Tabakrauch. Andere Trommeln verlangen einfach nur von einen, dass man sie regelmäßig bespielt oder mit ihnen tanzt. In jedem Fall ist es wichtig sich für die Bedürfnisse des Geistes zu öffnen und ausreichend Sorge zu tragen, wenn man lange Zeit Freude und Erfolg mit dem Instrument haben will. Umso mehr man es benutzt, desto enger und tiefer wird auch die Verbindung. Das führt auch dazu, dass die Kraft der Trommel mit der Zeit zunimmt bis sie ein unersetzlicher Partner ist.





Weiterführende Literatur zum Thema Schamanentrommel

  • Axel Brück: Schamanische Ritualmusik und die Kraft der Klänge
  • Michael Harner: Der Weg des Schamanen
  • Michael Harner: Höhle und Kosmos
  • Evelyn C. Rysdyk: A Spirit Walker's Guide to Shamanic Tools, How to Make and Use Drums, Masks, Rattles and Other Sacred Implements




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