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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Freitag, 11. März 2016

Haben Kemeten "eine gewisse Grundarroganz"?

Den modernen Praktizierenden der rekonstruierten altägyptischen Spiritualität, kurz Kemeten, haftet das Klischee an, "eine gewisse Grundarroganz" zu besitzen, wie sich im Zusammenhang von Stammtischen, Forendiskussionen, Gruppen und Unterhaltungen paganer Kreise immer wieder herauskristallisiert hat. 
Natürlich verallgemeinern Klischees stets und können so zur völligen Fehlwahrnehmung von Gruppen und Einzelpersonen führen, die sich dahingehend ganz anders entwickelt haben. Dennoch spiegeln sie auch immer ein Fünkchen Wahrheit wider, einen festen Bestandteil des identitätsstiftenden Geistes einer Gruppe. Da ich selbst zur Identität des "Kemetismus-Egregors" gehöre, bringen mich Aussagen zur "Arroganz" der Kemeten immer wieder zum Schmunzeln. Einerseits, weil ich selbst dahinter einen Aspekt meiner Selbst erkenne, der jedoch etwas fehlgedeutet wird, wenn man es "arrogant" nennt, eine gewisse Selbstsicherheit und Überzeugung von der Ma'at, des  Weges der Wahrheit, an den Tag zu legen; ganz nach dem Prinzip "Selbstsicherheit und Konsequenz bereiten den Weg zum Erfolg". Andererseits konnte ich beobachten, dass dieser Vorwurf sehr häufig gegen rekonstruierende Strömungen im Allgemeinen geäußert wird. Daher ist es für mich persönlich auch ein Grund Mitleid gegenüber denen zu empfinden, die sich selbst vielleicht benachteiligt fühlen, weil sie nicht selbst darauf gekommen sind, aus den neuesten Erkenntnissen der Archäologie eine spirituelle Praxis aufzubauen oder sich einfach nicht in der Lage dazu fühlen. Eine gute Nachricht an alle, die sich dabei angesprochen fühlen: Ihr könnt das auch, wenn ihr wollt! 
Klischee Nummer Zwei wäre, dass Kemeten auf BDSM stehen und EBM hören... Nunja... Die Wege des Kemetismus sind immer recht komplex und sehr schwer ins Hier und Jetzt zu holen, was einen intellektuellen, und spirituell reinen Geist vorraussetzt, ohne dabei sexuelle Obszönitäten aller Art auszuschließen. Die ganze Arbeit, die hier dahintersteckt, schreit regelrecht nach einem Ausgleich. Und die ägyptische Mythologie regt womöglich den einen oder anderen Praktizierenden sogar dazu an: Götter, die gerne ihren Penis zur Schau stellen (siehe Min) oder sich gegenseitig mit sexuellen Spielchen demütigen (siehe Horus und Seth) stehen ganz oben an der Tagesordnung. Es entsteht dabei ein Potential für Vorlieben, wie Sadomaso und BDSM, jedoch keineswegs ein Muss. Auch das kann zu einer als "elitär" empfundenen Wahrnehmung der Kemeten beitragen.
Elitär wirken oder als fremd empfunden werden könnte weiterhin, dass sich Einzelpersonen und Gruppen heutzutage als kulturelle Nachfolger der Ägypter identifizieren, scheinbar ohne, dass es dazu eine regionale Tradition gibt. Die gibt es, wissenschaftlich gesehen, aber auch nicht im (Neo-)Germanischen, bzw. Nordischen Heidentum, entgegen weitläufiger Behauptungen. Im Gegensatz zu den Germanen, haben die alten Ägypter ihre Religion tatsächlich exportiert: Nach Nubien, Lybien, Israel, sowie in das gesamte Römische Reich, das sich bis nach Süd- und Westdeutschland ausbreitete. Des Weiteren gibt es Hinweise auf Handelsbeziehungen von Ägypten bis Skandinavien. Die Verbreitung kemetischer Kulturgüter hat also Geschichte und ist keineswegs weiter hergeholt als Germanisches Heidentum.
Das Konzept von Ma'at und Isfet, wird gelegentlich auch mit Dualitäten, wie "Gut" und "Böse", "Ordnung" und "Chaos" oder gar "Rechtfertigkeit" und "Sünde" vereinfacht, was der Bandbreite der dahinterstehenden Bedeutungen keineswegs gerecht wird. Solche Reduzierung führt gelegentlich zu fatalen Missdeutungen, zu Gedankengängen die manche Menschen glauben lassen, Kemeten würden alle, die nicht nach ihren Lebens- und Weltvorstellungen leben, als schlecht, unterbemittelt oder sündhaft abstempeln. Nichts könnte der Realität ferner sein! Wir sind friedliebend, offen, tolerant und sehr hilfsbereit. Sprecht mit uns, kommt auf uns mit euren Anliegen zu und wir empfangen euch mit jeder Menge Gastfreundschaft. Habt einfach den Mut hinter die Fassade aus Klischees und Vorurteilen zu schauen, die man auch vielen anderen Richtungen hätte andichten können.

Viele Rekonstruktionalisten unterschiedlichster Richtungen tragen mit Recht einen gewissen Stolz auf das, was sie erreicht haben und so tagtäglich erfolgreich praktizieren können. Jeder, der es geschafft hat, aus eigener Kraft einen ganzen spirituellen Apparat zu stemmen, hat ein gutes Recht dazu, stolz zu sein. Wenn man an Grabinschriften und Texte der "42 Erklärungen der Unschuld" vor dem Jenseitsgericht denkt, ist die Hervorhebung der eigenen positiven Taten bereits im alten Ägypten ein nicht unwesentlicher religiös-gesellschaftlicher Bestandteil des Lebens gewesen. Somit ist die Nennung von Erfolgen bei Kemeten kein Mittel der Arroganz, sondern  der Vergegenwärtigung der eigenen ma'atgerechten Taten vor der Gesellschaft der Götter und Menschen. Das Ziel dabei ist nicht Andere damit zu ärgern, sondern für ein Fortleben der eigenen Taten zu sorgen. In einer ohnehin zersplitterten und widersprüchlichen deutschen paganen Szene, führt das folglich schnell zu Missverständnissen.




Quellen, Literatur und weiterführende Links:

  • Jan Assmann: Ma'at, Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, Nördlingen 2001
  • Hans G. Rosenberger: Wir sprechen Ägyptisch, Über die Ausbreitung ägyptischer Sprache und Religion, Celle 1999
  • Sharon LaBorde: Following The Sun, A Practical Guide to Egyptian Religion
  • Garry J. Shaw: The Egyptian Myths, A Guide To The Ancient Gods And Legends, London 2014 - deutsche Übersetzung: "Götter am Nil, Ägyptische Mythologie für Einsteiger"
  • https://satmaat.wordpress.com/
  • http://www.roundtable.kemeticrecon.com/




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