NebelALLraunen ist...

eine Fülle an Seiten und Artikeln voller vielfältigster, ungeschönter Realitäten jenseitiger, wie diesseitiger Natur... wissenschaftliche Klarheit und Offenbarung wird eins; und das ganz ohne dogmatische, monistische Absichten oder gar Absolutheitsansprüche.

Rekonstruktionalismus und Technismus lösen hier mystische Geheimniskrämerei ab.

_____________________________________________________________________________

Du bist neu hier? Eine erste Einführung hilft dir weiter!


Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Sprechende Bilder: Die Vorraussetzung des Lebens




Die Vorraussetzung allen Lebens ist der Tod, so wie der Schlaf der des Wachens ist.

- eine Weisheit aus Pyramidentext 1975 B -


Im Bild: Die einzige bildliche Darstellung des personifizierten Todes aus dem Papyrus des Henuttawy.





Über kaum ein Mysterium haben sich die Menschen öfter den Kopf zerbrochen, als über den Tod. 
Die alten Ägypter sahen diesen Umstand keineswegs als Ende ihrer Existenz an. Vielmehr war es der Beginn der wahren Grundexistenz, die mit einer abenteuerlichen Reise durch das Duat, die gefahrvolle Unterwelt, beginnen oder enden sollte. Denn auch ein zweiter, endgültiger Tod war möglich, sofern man nicht den zahlreichen Prüfungen und Dämonen gewachsen war, bei deren Be- und Überwältigung die Totenbücher (z.B. das Amduat) eine detaillierte Anleitung lieferten. Nun kam es darauf an die Dinge und Wesen bei ihren korrekten Namen zu nennen, um Macht über sie zu bekommen. Nur mit diesen Worten der Macht* war es möglich die Hindernisse zu bezwingen und schließlich vor das Totengericht** zu treten. Hier kam es, entgegen der Werte der aktuellen wachstumsbesessenen Epoche***, auf ein besonders leichtes und reines Herz an. Denn war das eigene Herz von Schuld und Verderbtheit schwer oder sagte es gegen einen aus, so folgte prompt das Urteil: Strafarbeiten auf den Feldern des Jenseits, Verbannungen, Folter durch die 42 furchterregenden Dämonen oder sogar der endgültige Tod durch das Mischwesen Ammit; eine Wesenheit aus Krokodil, Löwe und Nilpferd, die als Vernichter seelischer Abfälle diente. Alternative Strafen bestanden in der qualvollen Reinigung im Flammensee oder den Kesseln der Götter, bis die Schuld, gleich einer Krankheit, ausgekocht ist.
Doch ganz entgegen diesen bunt ausgemalten Fürchterlichkeiten, konnte das Nachleben auch wunderschön sein, sofern man entweder als ein Gerechter den Weg der ersten Wahrheit gelebt hat oder aber einfach zaubergewandt genug war die Götter zu überlisten, indem man die eigene Schuld verbarg und Uschebti zur Verrichtung aller Arbeiten einsetzte. Das durch Mauern, Tore und unzählige Wächter geschützte Reich der Götter, musste auch bewirtschaftet werden, um so viel Fülle, Glanz und Freude zu bieten. Damit unterschied es sich in seinen (Funktions-)Gesetzen nicht wesentlich vom Reich der Lebenden. Vielleicht mit der Ausnahme, dass alles erlaubt war, bis auf Lärm. Denn wenn es etwas gibt, das sie nicht ausstehen können, dann ungezügelten Krach. Kein Wunder also, dass sie sich so weit von den meisten Menschen dieser Tage entfernt haben.
Nach all den Freuden von Amenti und dem Leben unter den Göttern, wartet nicht zuletzt eine erneute Geburt****, in der es gilt sich erneut zu beweisen.


*hekau - Zauber
**welches im Laufe der Zeiten und Regionen veränderlich besetzt war, z.B. ab dem Mittleren Reich mit Osiris
*** also dem Inbegriff von Isfet (sowas Ähnliches wie "Sünde")
**** Ich möchte darauf hinweisen, dass es trotz der raren Schriftquellen zum Thema Reinkarnation im alten Ägypten, sowohl deutliche ikonographische Beziehungen zum Thema, wie im Papyrus des Henuttawy zu sehen, gibt, als auch die Ideen hinter der gesamten altägyptischen Mythologie dieses Thema implizieren (z.B. Horus der Ältere > Horus der Jüngere, Die Schöpfung aus den Nun und die Rückkehr dahin mit anschließender Neuschöpfung, das Konzept von neheh, ...). Mir ist klar, dass es sich um ein umstrittenes Thema handelt, in dem ich mich hier nur als Befürworter der These der kemetischen Reinkarnation positioniere, jedoch damit ganz deutlich nicht ausschließe, dass dieses Konzept nicht von allen alten Ägyptern geteilt wurde. In Bezug auf Jan Assmanns Aussage zum Thema "Diskurs", bin ich der Meinung, dass auch die Wiedergeburt möglicherweise als solche Selbstverständlichkeit aufgefasst worden ist, dass eine Diskussion und damit die literarische Verarbeitung selten bis gar nicht nötig war. Man hat sich vielmehr auf den direkt bevorstehenden Abschnitt des Nachlebens konzentriert, als sich des vorausgesetzten und auch weniger relevanten Themas der Wiederkunft zu widmen. Ich möchte mich von vornherein auch klar von einer Vergleichbarkeit mit dem indischen Reinkarnationssystem distanzieren, weil solch eine Verknüpfung weder kulturell, noch inhaltlich gegeben war.


Literaturempfehlung:
Assman, J.: Ma'at, Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten


Quellen:
Assman, J.: Ma'at, Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten

Freydank, H., Reinecke W. F., Schetelich, M., Thilo, T.: Der alte Orient in Stichworten, Leipzig 1978, S. 218 - 220, 437

Lurker, M. Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter, Frankfurt am Main 2005, S. 149 - 152, 166

Schott, E.: Die ägyptischen Sünden, Kapitel 125 und Kapitel 30 des äygptischen Totenbuches übersetzt und kommentiert, Göttingen, 1992

Shaw, G. J.: The Egyptian Myths, A guide to the ancient gods and legends, London 2014, S. 17 - 83,  169 - 190
Pyramidentext 1995 B frei übersetzt von Poeta Immortalis

Papyrus des Henuttawy


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen