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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Sonntag, 3. Mai 2015

Der Goldene Mann von Issyk: Ein erstes Porträt

Die ersten Rekonstruktionsbemühungen für den "Goldenen Mann von Issyk" stammen vom Ausgräber Kemal Akishev selbst. Er veröffentlichte sie in der Grabungspublikation von 1978 und ging, aufgrund von Vergleichen mit spitzmützigen Saken auf dem Tributbringerrelief an der Apada in Persepolis, von zu rekonstruierenden Wangen- und Nackenklappen aus an der Kopfbedeckung aus. Die goldenen Verzierungen ordnete er zonenartig, sowie paarweise an. Deren Höhe, von beeindruckenden 60 bis 65 cm, erschloss sich aus der Lage des bekrönenden Schafbocks. Der Umfang wird sowohl von Häusler, als auch Akišev mit 22 cm angegeben, ohne plausible Gründe zu nennen. An dieser Stelle mangelte es offenbar an der Dokumentation. Frontal ziert ein umlaufendes Diadem, bekrönt von geflügelten Pferdemischwesen, die Stirn. Direkt darüber verortet der Ausgräber zwei vertikal nebeneinander angeordnete Ornamentstreifen. Darunter und darüber ist je ein Dreiecksplättchen angebracht, das mit der Spitze jeweils auf die Leiste zeigt. Zwischen diesen, zentral nach oben aufragend, ordnete er zwei voneinander abgewandte Geweihmotive floralen Charakters an, die jedoch nirgendwo sonst beschrieben werden. Zu beiden Seiten des, soeben beschriebenen, Mittelstreifens, sind ab gleicher Höhe wie die vertikalen Streifen, je ein Flügelpaar, sowie zwei pfeilartige Stäbe rekonstruiert worden. Alle acht (man beachte die magisch wirksame Anzahl) Zierelemente waren im unteren Teil an der Kopfbedeckung befestigt, während die einander zugewandten Flügel und Pfeile Richtung Spitze nicht mehr anliegen. Locker sind auch insgesamt vier nach oben weisende Dreiecke in aufgehängter Form an den unteren Seiten der Flügel angebracht. Betrachtet man Akishevs Rekonstruktion von der Seite, so zeigen sich vier Zonen, beginnend mit den Wangenklappen. Die Unterste zeigt je drei vogelkopfartige, in sich abgeschlossene Motivplättchen. Brentjes sieht sie als Wellen oder Wiederholung der Wangenklappen. Darauf folgen S-förmig gewundene Tiger im Wechsel mit einer blitzartig gezackten Berglandschaft. In den verbleibenden oberen Lücken springen Steinböcke in Richtung Gesicht. Als dritte Zone offenbart sich das Diadem, möglicherweise als eine weitere, weniger schroffe Landschaftsymbolik, über der in regelmäßigen Abständen runden Motivapplikationen folgen. Diese zeigen vermutlich Löwen. Zu Oberst erscheint erneut eine schroffe Bergsymbolik. Dazwischen waren stilisierte Bäume, deren Spitzen Vögel bilden, dargestellt. Aufgrund der Lage aufgefundener Applikationsteile konnte die Größe des Kaftans rekonstruiert werden. Akishevs Rekonstruktion fiel jedoch aus unerklärten Gründen kleiner aus, als es die ornamentalen Metallteile begründen würden. Dabei dominierten vor allem zikadenförmige Goldplättchen, die auf rotem oder braunem Leder befestigt waren, wie Reste schlussfolgern lassen. Kleine Tigerköpfe betonten in Form vertikaler und horizontaler Bänder die Saumverläufe. Selbst die Ärmelansätze waren auf gleiche Weise verziert. Unklar bleibt, ob die überlappte Seite des Kaftans ebenfalls einen Saumbesatz trug, da weder Rekonstruktion noch Befundzeichnung Hinweise darauf geben. Allein die Anzahl der Stücke weist darauf hin, dass dem wohl so gewesen sein muss. Weitere Unsicherheiten zeigt die rekonstruierte Umsetzung der Manschettenknöpfe in Form von Tigerköpfen, während der Befund hier klar rechteckige Goldplättchen vorsieht. Unter dem Kaftan wird weitere Bekleidung angenommen, die an Saum und Kragen mit rechteckigen Zierblechen besetzt gewesen sein soll. Wie auch der Kaftan, so war der Grundstoff der Beinbekleidung entweder aus braunem oder rotenLeder hergestellt. Diese wurde in Akishevs Rekonstruktion als Hose mit bandförmig ornamentierten Nähten und einer Beinweite von 20 bis 25 cm wiedergegeben. Auch ein Gürtel, verziert mit durchbrochenen Goldblechen in Form von Elchen und Hirschen, welche eingerollte Geweihe tragen, sowie direkt daran befestigter Bewaffnung, bestehend aus einem Akinakes (zweischneidiges Kurzschwert) zur Rechten und einem langen Schwert zur Linken, wurde in dieser Rekonstruktion umgesetzt. Die Applikatonen wurden mit angelöteten Ösen befestigt. Lederne Stiefel, abgestimmt auf den Kaftan, mit reichen, goldenen Zikaden, sind zu sehen. Die Sohle wurde zusätzlich mit einem Riemen mit einer Anreihung von Rechteckplättchen verziert.
Die hier rekonstruierte Bekleidung, aus dem Kontext eines Übergangsritus, beinhaltet eine auffällige Dreiteilung in Welten, die von diesseitigen und jenseitigen Tieren bewohnt sind. Diese wiederum sind jeweils in vier Regionen (oder Himmelsrichtungen) unterteilt, die sich in mehrfacher Form, von der hier beschriebenen Ornamentik, ablesen lassen. Neben regionalen Tierstilelemnten, lassen sich auch achaemenidisch entlehnte Motive finden. Auch die Achtersymbolik als herrschaftliche Kennzeichnung und solare Glückszahl scheint entlehnt zu sein. Diese Einflüsse stammen jedoch nicht aus den Süden, sondern dem Osten (dem alten China). Die Pfeilmotive an der Spitzmütze erinnern an die Verbindungspfeile, die sibirische Schamanen nutzen, um eine Brücke zum Himmel zu errichten und zum höchsten Gott emporzufliegen. Verbunden mit den dazugehörigen Flügeln, wird dieser Vergleich umso naheliegender.

Bild:

 "Der Goldene" - Detail - von Poeta Immortalis 2015

Quellen:

Akishev, K. A.: Issyk Mound, The Art of Saka in Kazakhstan, Moscow 1978, S. 15
Brentjes, B.: Der Tierstil in Eurasien, Seemann-Beiträge zur Kunstwissenschaft, Leipzig 1982, S. 92, 93, 263
Eliade, M.: Schamanismus und archaische Extasetechnik, 2006
Häusler, A.: Der Kurgan Issyk – ein Denkmal der Saken, In: Brentjes, B.; Herrmann, J.; Irmscher, J.
(Hrsg.): Das Altertum, Heft 2, Bd. 29, 1983, S. 108, 109, 110
Schiltz, V.: Die Skythen und andere Steppenvölker, 8. Jh. v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr., Universum der Kunst 39, München 1994, S. 299

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