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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Mittwoch, 18. März 2015

Das Ischtar-Tor von Babylon und seine Berliner Rekonstruktion (Teil 3): Symbolik und Bedeutung

Die Architektur des Ischtar-Tores und der, durch sie führenden, Prozessionsstraße beeindruckt nicht nur durch ihre Monumentalität, sondern auch durch die Tiefe der Smybolik. Das kräftige Blau, das einen auf Anhieb entgegenschlägt, wird oft als symbolisch-kultische Abwehrfarbe gegen chthonische Kräfte und den bösen Blick gedeutet. Die Unterteilung der Wandflächen erfolgt durch gelbe Linien, deren Zentrum eine Reihung schwarz-weiß-schwarzer Balken bildet. Hin zu vertikalen Gebäudekanten folgt eine hellblaue Linie. Der untere und obere Abschluss der Wandflächen erfolgt durch eine doppelte gelbe Linie, wie bereits beschrieben, mit einer Reihung weißer Rosetten dazwischen. Diese werden in der assyrischen Kunst mit Ischtar assoziiert und ersetzen in dieser Zeit den Venus-Stern der Inanna. Sie sind bereits in der Uruk-Zeit belegt. Deutlich treten auch die Tiere Stier , Löwe, sowie das Mischwesen Muŝuŝŝu, ein Schlangendrache, hervor, deren Reihungen die großen Wand- und Torflächen bedecken. Dabei wird das Ischtar-Tor ausschließlich von Schlangendrachen und Stieren mit jeweils hellgrün und gelb ausgeführten Hufen und Hörnern dominiert, während vor allem die Wände der Prozessionsstraße „Aîbuŝâbum“* von Löwen geziert werden. Die Tierreihe ist ein traditionelles Motiv im alten Orient, das auch bereits in der Uruk-Zeit auftaucht. Beeindruckend ist auch die Gesamtzahl von 575 Tierbilder, die aufgefunden wurden. Sie alle waren jedoch nicht gleichzeitig angebracht, sondern stammen aus unterschiedlichen Bauphasen.Die drei verschiedenen Tiermotive stehen hier nicht für Tierarten, sondern vertreten die Hohegottheiten Babylons selbst. Die assyrische Götter erscheinen in der Ikonographie oft mit Begleit- und Reittieren, auf denen sie stehend dargestellt werden. Der Stier steht dabei für den Wettergott Adad. Es handelt sich keineswegs um einen gewöhnlichen Stier, denn seine göttliche Andersartigkeit wird durch kleine Flügel angezeigt. Schon seit urgeschichtlicher Zeit tritt er im Kontext verschiedener mesopotamischer Fruchtbarkeitskulte auf. Der Schlangendrache „Mušuššu“* steht für Marduk als ranghöchster „Enlil der Götter“*. Seine Darstellung ist seit dem akkadischen Reich belegt und wurde nach Hammurabi's Eroberung von Eshnunna zum Symboltier des Stadtgottes Marduk. Das Tier ist ein Mischwesen, das Elemente von Schlange, felidem Raubtier und Raubvogel miteinander verbindet. Konkret hat „Mušuššu“ Kopf, Hals und Körper einer Schlange, die Vorderbeine eines Löwen und die Hinterbeine sind die Krallen eines Adlers.Es muss sich um ein Wesen handeln, das Furcht in den damaligen Menschen ausgelöst hat. Seine Ausstrahlung wurde der „Schreckensglanz“** des Marduk genannt. Zugleich können solche furchteinflößenden, dämonenhaften Wesen nach der „Domestizierung“ durch eine Gottheit auch schützend auftreten, wie es hier der Fall ist. Die Wanddekoration vermittelte nach außen einen Eindruck von Macht. Im Gegenzug gab der Schutz durch den Schöpfergott Marduk wahrscheinlich nach innen für die Bewohner Babylons ein Gefühl von Sicherheit.
Stellvertretend für die namensgebende Göttin Ischtar, reihen sich alleenhaft die Löwen zu beiden Seiten der breiten Prozessionsstraße. Ihre Farbgebung ist, ähnlich wie bei den Stieren, ebenso wechselnd gehalten. Während das Weiß bei den zurücktretenden Wandteilen dominiert, erscheinen die hervortretenden Darstellungen in einem Gelbton, der für Gold stehen könnte. Die im ersten Augenblick stupide Reihung anhand eines Rasterschemas bildet zeitgleich feste Ordnungen ab. Die Blickrichtungen der Tiere zeigen die Hauptbewegungsrichtungen der Festprozession an, führen den Weg entlang in die Stadt. Erst am Tor wird auch eine dem Betrachter zugewandte Richtung angenommen. Sie schauen sich aber über konvexe Ecken an und kehren sich über konkave Ecken voneinander ab. Weiterhin ist festzustellen, dass die Reliefbilder auf jeder Fläche allesamt in eine Richtung blicken.



chthonisch = dem Erdinneren, also der Unterwelt, zugeordnet
Rosette = blütenartiges Motiv
Uruk-Zeit = ca. 4000 bis 3000 v. u. Z.


Bild:
Skizze frei nach dem Ischtar-Tor in Berlin von Poeta Immortlis 2015

Zitate:

*    Unger 1931, S. 111
**  Black 2011, S. 166

Quellen

Black, Jeremy; Green, Anthony: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia, Austin
2011, S. 39, 40, 156, 157, 166

Freydank, Helmut; Reineke, Walter F.; Schetelich, Maria; Thilo, Thomas: Der Alte Orient in
Stichworten, Leipzig 1978, S. 415

Groneberg, Brigitte; Spieckermann, Hermann: Die Welt der Götterbilder, Berlin 2007, S. 24

Unger, Eckhard: Babylon, Die heilige Stadt nach den Beschreibungen der Babylonier, Leipzig
1931, S. 70, 111

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