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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Dienstag, 23. September 2014

Lyrik: Der Huluppu-Baum


Die Lyrik nimmt mit diesem Artikel auf NebelALLraunen eine ganz neue Kategorie ein: Der sumerische Epos. Ein ganz besonders schönes davon möchte ich hier in meiner persönlichen, sehr freien und lyrisch überführten Übertragung ins Deutsche, unter Wahrung und Ehrung der Macht des Orginals, vorlegen. Wiederholungen sollen keineswegs langweilen, sondern sind ein wichtiges Element des enthaltenen Zaubers.

Der Huluppu-Baum

Einst, in den ersten,
den allerersten Tagen.
Einst, in den ersten,
den allerersten Nächten.
Einst, in den ersten,
den allerersten Jahren, 

als alles, was man brauchte,
was man wirklich brauchte,
vorhanden war;
als alle, die da waren,
die da wirklich waren,
wohlgenährt waren;

als man reichlich buk,
gutes Brot für die Götter,
als man reichlich aß,
gutes Brot für die Menschen;

als der Himmel sich von der Erde,
die Erde vom Himmel entfernt hatte;
als der Name des Menschen Schrift wurde;
als der Himmelsgott An die Himmel,
als der Windgott Enlil die Erde
mit sich fortgerissen hatte;
als der Königin der Großen Tiefe, 
Ereshkigal,
die Unterwelt als Land Ihrer Herrschaft gegeben wurde, 1

setzte Er Segel,
setzte der Vater Segel,
Enki, Gott der Weisheit,
setzte Segel
und fuhr hinab,
fuhr hinab zur Unterwelt.

Kleine Kiesel wurden ihm entgegengeworfen,
große Steine wurden ihm entgegengeschleudert.
Wie angeschwemmte Schildkröten
schlugen sie gegen  den Kiel von Enki's Schiff.
Die Meeresfluten fielen den Bug des Schiffes an wie Wölfe.
Die Meeresfluten schlugen das Heck des Schiffes wie Löwen.  
Doch keine Planke brach, kein Holz ward beschädigt. 2

Zu dieser Zeit ward ein Baum,
ein einzelner Baum,
der Huluppu-Baum,
der heilige Weltenbaum,
gepflanzt an den Ufern des Euphrats,
genährt durch seine Wasser.
Der wirbelnde Südwind zog auf,
zog an seinen Wurzeln,
riss an seinen Ästen,
bis die Wasser des Euphrats ihn fortführten.

Eine Frau, die in Ehrfurcht kam
vor dem Worte des himmlischen An,
die in Ehrfurcht kam,
vor dem Worte des windigen Enlil,
rette den Baum vom Fluss und sprach:

"So sollte ich bringen,
diesen Baum, 
nach Uruk,
sollte pflanzen, 
diesen Baum,
in meinen heiligen Garten, 3
auf dass er wachsen und gedeihen möge."

So umsorgte Inanna den Baum
mit Ihren eigenen Händen,
breitete die Erde um den Baum,
mit Ihren eigenen Füßen.

Da fragte sie sich:
"Wie lang wird es dauern,
bis ein strahlender Thron aus ihm geworden,
auf ihm zu sitzen?
Wie lang wird es dauern,
bis ein  leuchtendes Bett aus ihm wird,
auf ihm zu liegen?"

Die Jahre vergingen:
Erst fünf, dann zehn Jahre zogen über Sumer.
Der Baum wuchs stattlich
und doch brach seine Rinde nicht auf.

Da siedelte eine Schlange,
die nicht besänftigt werden kann,
im Wurzelgeflecht des Huluppu-Baumes,
da siedelte der Anzu-Vogel,
im Astgewirr des Huluppu-Baumes
und die dunkle Maid Lilith
baute ihr Heim in seinem Stamm.

Die Jungfrau, die zu lachen liebte, weinte,
oh wie weinte sie!
Nun würden sie den Baum nie mehr verlassen!

Als die Vögel zum nächsten Morgengrauen sangen,
als Utu, der Sonnengott, 
sein königliches Schlafgemach verließ,
rief Inanna Ihren Bruder Utu:

"Utu, oh Utu, 
entsinnst du dich der Tage,
der allerersten Tage,
als die Schicksale bestimmt wurden
und Überfluss das Land bewässerte,
als der Himmelsgott die Himmel,
der Windgott die Erde mit sich fortgerissen hatte,
als Ereshkigal, 
die Große Tiefe zu Ihrer Herrschaft gegeben wurde,
der Gott der Weisheit, 
Vater Enki,
Segel gen Unterwelt setzte 
und die Unterwelt gegen ihn aufstand,
seine Wege durchkreuzte
und Angriff gebar?
Zu dieser Zeit ward ein Baum,
ein einzelner Baum,
der Huluppu-Baum,
der heilige Weltenbaum,
gepflanzt an den Ufern des Euphrats,
genährt durch seine Wasser.
Der wirbelnde Südwind zog auf,
zog an seinen Wurzeln,
riss an seinen Ästen,
bis die Wasser des Euphrats ihn fortführten.
Ich rettete den Baum aus dem Fluss,
brachte ihn in meinen heiligen Garten,
pflegte den schönen Weltenbaum,
wartend auf meinen strahlenden Thron,
mein leuchtendes Bett.
Da siedelte eine Schlange,
die nicht besänftigt werden kann,
im Wurzelgeflecht des Huluppu-Baumes,
da siedelte der Anzu-Vogel,
im Astgewirr des Huluppu-Baumes
und die dunkle Maid Lilith
baute ihr Heim in seinem Stamm.
Die Jungfrau, die zu lachen liebte, weinte,
oh wie weinte sie!
Nun würden sie den Baum nie mehr verlassen!"

Doch Utu, der scheinende Krieger, 4
wollte seiner Schwester nicht helfen. 

Als die Vögel zum zweiten Morgengrauen sangen,
rief Inanna Ihren Bruder Gilgamesh
mit den alten Worten:

"Gilgamesh, oh Gilgamesh, 
entsinnst du dich der Tage,
der allerersten Tage,
als die Schicksale bestimmt wurden
und Überfluss das Land bewässerte,
als der Himmelsgott die Himmel,
der Windgott die Erde mit sich fortgerissen hatte,
als Ereshkigal, 
die Große Tiefe zu Ihrer Herrschaft gegeben wurde,
der Gott der Weisheit, 
Vater Enki,
Segel gen Unterwelt setzte 
und die Unterwelt gegen ihn aufstand,
seine Wege durchkreuzte
und Angriff gebar?
Zu dieser Zeit ward ein Baum,
ein einzelner Baum,
der Huluppu-Baum,
der heilige Weltenbaum,
gepflanzt an den Ufern des Euphrats,
genährt durch seine Wasser.
Der wirbelnde Südwind zog auf,
zog an seinen Wurzeln,
riss an seinen Ästen,
bis die Wasser des Euphrats ihn fortführten.
Ich rettete den Baum aus den Fluss,
brachte ihn in meinen heiligen Garten,
pflegte den schönen Weltenbaum,
wartend auf meinen strahlenden Thron,
mein leuchtendes Bett.
Da siedelte eine Schlange,
die nicht besänftigt werden kann,
im Wurzelgeflecht des Huluppu-Baumes,
da siedelte der Anzu-Vogel,
im Astgewirr des Huluppu-Baumes
und die dunkle Maid Lilith
baute ihr Heim in seinem Stamm.
Die Jungfrau, die zu lachen liebte, weinte,
oh wie weinte sie!
Nun würden sie den Baum nie mehr verlassen!"

Gilgamesh, der strahlende Krieger,
großer Held von Uruk,
stand auf für Inanna zu kämpfen.

Er ergriff seine Rüstung sodann,
von 50 Minen 5
und legte sie sich sorgsam an.
Doch die 50 Minen 
wogen für ihn so wenig nur, 
wie 50 Federn.
 Er erhob seine schwere Axt von Bronze,
seine Axt der Straße,
deren Gewicht 7 Talente und 7 Minen 6
auf seiner Schulter wog.
So bewaffnet zog er aus,
so bewaffnet betrat er Inannas heiligen Garten.

Gilgamesh erschlug die Schlange,
die nicht besänftigt werden konnte.
Der Anzu-Vogel floh sogleich in die Berge.
Die dunkle Maid Lilith verwüstete ihr Heim 
und floh zu wilden unbewohnten Orten. 

So schlug Gilgamesh die Wurzeln, 
des einzelnen Baumes,
des Huluppu-Baumes, 
des heil'gen Baumes im heil'gen Garten;
so schlugen die Söhne seiner Stadt die Äste,
des einzelnen Baumes,
des Huluppu-Baumes, 
des heil'gen Baumes im heil'gen Garten;
zu schnitzen den Thron für seine heil'ge Schwester, 
zu schnitzen das Bett für Inanna, reine Jungfrau.
Aus den Wurzeln des Baumes
formte Sie einen Pukku für Ihren Bruder,
Aus der Krone des Baumes 
formes Sie einen Mikku für Gilgamesh, 7
den Helden von Uruk. 
Copyright by Poeta Immortalis 2014


Anmerkungen: 
Keineswegs beharre oder behaupte ich, dass es sich hierbei um die einzige oder wahre Fassung der Geschichte um den Huluppu-Baum handelt. Entdeckt doch selbst, wie sich die Geschichte zutrug! Eine Geistreise kann euch dabei helfen. 
Ich persönlich finde es wichtig, dass die Geschichten um die Götter und ihre Kulte lebendig sind und bleiben. Darum bringt euch ein und schreibt vielleicht auch einmal eure Version der Geschichte! Ich würde mich freuen.
  1. Die Wiederholung des Schöpfungsprozesses, wie hier beschrieben, lässt diesen Zustand im Hier und Jetzt erneut eintreten, ermöglicht den Lesern diese paradiesischen Umstände erneut
  2. Abwehr und Schutzzauber gegen schadbringende Untweltsmächte
  3. vergl. heiliger Garten - Paradies
  4. sumerisch Utu = akkadisch Shamash
  5. 50 Minen Gewicht sind etwa 30 kg  
  6. 7  Minen und 7 Talente sind etwa 4,5 kg
  7. Pukku und Mikku sind offenbar wertvolle magische Gegenstände unklarer Übersetzung. Ich vermute dahinter Ring und Stab, heilige Insignien der Gottesherrschaft 



Quelle:
Englischer Text als Basis -
Diane Wolkstein, Samuel Noah Kramer: Inanna, Queen of heaven and earth, her stories and hymns from Sumer, Toronto 1983, S. 4 - 9, 136 - 147.




 


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