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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Donnerstag, 10. April 2014

Funktion und Interpretation der Schiffsmodelle im Mittleren Reich

Totenschiff mit Mumie und Trauernden als Würfelhocker

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Schiffsmodelle, als typische Funktionsfiguren, können eine Vielzahl von Zwecken im Grab ausführen, wobei diese jeweils Szenen der Ausmalung und andere Dienerfiguren ersetzen können. Ein Beispiel dafür wäre der Fischfang mit Netzen und Boot, sowie das Fischestechen. So stellen die Fischerboote bereits die erste zu nennende mögliche Funktion dar. Neben den, schon genannten Objekten im Boot, können hierbei noch weitere, für das Fischen im Mittleren Reich typische, Gegenstände, wie Fischkorb, Angel, Gabelnetz, Reuse und Wasserflasche vorkommen. Fischestechen und Vogelfang tauchte auch im Zusammenhang mit Reise- und Freizeitbooten auf. Als Ersatz für Küchenszenen traten, vor allem in der 11. und 12. Dynastie, Küchenboote auf, die diese Szenen gleichzeitig aufs Wasser versetzen und zur dauerhaften Versorgung im Jenseits dienten. Eine weitere Funktion des Schiffsmodells war die der Inspektionsfahrt mit dem Grabherrn. Die Abydosfahrt ist eine ähnliche Darstellung des Grabinhabers in einem Reiseschiff, die, diese in den Osirismysterien wichtige Pilgerfahrt, unabhängig von deren Ausführung zu Lebzeiten, absichert. Wie bereits in den vorangegangenen Artikeln beschrieben, bildete der Herr auch als Verstorbener in vollständiger Einbalsamierung das zentrale Thema des Totenschiffes mit hockenden Trauernden, die jeweils sichere Merkmale dieses Typus sind. Dazu kommen auch gelegentlich Holzfiguren der Priester für die hierbei teilweise dargestellte Bestattungszeremonie. Solch ein Modell sichert folglich dem Grabbesitzer magisch eine ordentliche Beisetzung mit vorhergehendem Zeremonial. Zur Sicherung der Verteidigung im Jenseits könnten Kriegsschiffe und Truppentransporte gedient haben. Doch auch auf die Lebzeiten können sich derartige plastische Darstellungen beziehen, wenn es die Aufgabe des Modellbesitzers war das Land zu verteidigen oder gar neue Eroberungen, wie Expeditionen nach Nubien, anzustellen. Ein solches Modell könnte seine Schuldigkeiten magisch und hinsichtlich des Nachlebens abgegolten haben, unabhängig davon, ob die angeleiteten militärischen Aktionen nun tatsächlich so erfolgreich waren oder nicht.
Wichtige Unterschiede zur flachbildlichen Ausgestaltung von Gräbern sind, dass im Schiffsmodell für den Gebrauch im Dienerfigurenreportoire keine Boote mit Darstellungen von Wettkämpfen, wie dem Fischestechen auftauchen, sowie keine Herdenbegleitboote oder gewöhnliche Transportboote für Waren. 
Breasted interpretiert die meisten Schiffsmodelle als Möglichkeiten für Vergnügungen im Jenseits. Dies wird durch Boote belegt, die typische Freizeitbeschäftigungen des Grabherrn und dessen Familie, falls ersichtlich, zeigen. Auch die Verpflegung bei Küchenbooten kann als eine solche Freizeitaktivität gesehen werden, sowie auch Reisen den Nil stromauf- oder abwärts, die an sich erst durch das Schiffsmodell ermöglicht wurden. 
Für die Schiffsmodelle im Grab ist auch eine Darstellung bedeutender Lebensbereiche des Verstorbenen zu erkennen. Sie waren damit ein Bestandteil der umfassenden Selbstrepräsentation im Grab durch Schrift, Bild und Modell. Die Dienerfiguren, zu denen auch die hier vorgestellten Schiffsmodelle gehören, zeigen einen Wandel auf, der von der Hinnahme und Fortführung der Verhältnisse zu Lebzeiten, die im Alten Reich üblich war, hin zu einer Verbesserung mit dem Schritt ins Nachleben im Mittleren Reich führte. 
Einen weiteren, von den, in Schachtgräbern für gewöhnlich mitgegebenen Schiffmodellen abgehobenen Typus, stellen Götterbarken dar. Ihre Funktion war im alten Ägypten kultischer Natur. Sie dienten, in reich geschmückter Aufmachung, zum Beispiel mit einem Antilopenhaupt am Bug und reicher Ausstattung, als Transportmittel der Götterstatuen in Prozessionen, sowohl zu Wasser, als auch an Land auf einem Schlitten. Auch im Pharaonenkult fanden Götterbarken beim Horusgeleit Anwendung. Im Grabkontext traten diese Barken nur gelegentlich bei leitenden Personen der Götterfeste, wie dem Sokarfest, auf. So zum Beispiel in der Mastaba des Djehuti in Lisht aus der 12. Dynastie, wo sich in einer Nische am Zwischenraum zwischen der Ostfassade und der Begrenzungsmauer der Anlage eine solche Götterbarke befand . Der übliche Aufstellungsort waren jedoch nicht Mastabas, sondern Tempel, worauf nicht weiter eingegangen werden soll. 
Im weiterführenden Kontext besteht bei allen Götterbarken eine enge Verbindung zur Sonnenbarke des Re, die zum Beispiel in den Pyramidentexten des Alten Reiches den Sonnengott als Sonne selbst mit dem Einbrechen der Dunkelheit durch die Unterwelt reisen und zahlreiche Kämpfe, nicht zuletzt gegen Apep, bestreiten lässt. Im Königskult war es Ziel des Herrschers Ra, als einer unter den göttlichen Beschützern der Sonne, auf seiner Fahrt zu begleiten. 
Im Mittleren Reich wurde, darauf basierend, im Bereich von El Bersheh von einer höhergestellten Personengruppe das Zweiwegebuch entwickelt und in die Sarkophage mit eingebracht. Auch hierbei spielte das Reisen mit Schiffen eine bedeutende Rolle, die sich in Ägypten in vielfältigsten Bereichen manifestierte. Gerade die Ober- bis Mittelschicht nahm sich zunehmend Teile des, im Alten Reich dem Königshaus vorbehaltenen, Kultensembles, in eigener Abwandlung, an.

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Quellen:

Breasted, J. H., Egyptian Servant Statues, Washington 1948, S. 74 ff, 83 ff.

Fitzenreiter, M., Statue und Kult, Eine Studie der funären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich, Berlin 1999, S. 194 f.

Garstang, John, The burial customs of ancient Egypt: as illustrated by tombs of the middle kingdom: being a report of excavations made in the necropolis of Beni Hassan during 1902-3-4, London 1907, S. 157 f.

Klebs, L., Die Reliefs und Malereien des Mittleren Reiches (VII. - XVII. Dynastie ca 2477- 1580 v. Chr.), Heidelberg 1922, S, 137, 138.

Lurker, Manfred, Lexikon der Götter und Symbole der Alten Ägypter, Frankfurt am Main 2005, S. 174.

Stockfisch, D., Untersuchungen zum Totenkult des ägyptischen Königs im Alten Reich, Die Dekoration der königlichen Totenkultanlagen, Band 1, Mainz 1994, S. 298 - 300.

Tooley, A. M. J., Egyptian Models and Scenes, Haverfordwest 1995, S. 194 f.



Bildquelle:

http://www.metmuseum.org/Collections/search-the-collections/555733?rpp=20&pg=2&ao=on&ft=boat&pos=33 – 11.10.2013



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