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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Samstag, 28. Dezember 2013

Thesen zur Archaischen Koroplastik: Kontexte. Heiligtum und Grab

weibliche Figurine auf Stier, gedeutet als: Europa auf dem Stier (Zeus) - spätarchaisch
Eine oft vernachlässigte, jedoch für das Verständnis der griechischen Plastik, enorm wichtige Fundgattung bilden die Terrakotten aus Archaischer Zeit, eine Epoche, die für das "Archaische Lächeln" in der viel bekannteren Großplastik, berühmt wurde.
Hierbei sollen nun Vergleiche zwischen den Heiligtumsfunden und Grabfunden im Vordergrund stehen... Gebiete, die selbst in der Archäologie meist gesondert betrachtet werden. Daher kann hierbei von einer ungewöhnlichen und neuen Betrachtungsweise auf die Funde gesprochen werden.

Archaische Koroplastik im Kontext von Heiligtümern
In den Heiligtümern finden sich tönerne Figuren vor allem in der Umgebung von Altären, die den wichtigsten Ort des griechischen Kultgeschehens bildeten, während Tempel nur die Behausungen der Götter und deshalb nur wenigen auserwählten Personen zugänglich waren. Weitere Orte der Niederlegung, die Archäologen auffanden waren Opfer- und Abfallgruben der Heiligtümer, sowie an Schatzhäusern und Prozessionswegen.
Hergestellt wurde dieses breite Spektrum an Tierfiguren, anthropomorpgen Darstellungen und Gefäßplastik entweder per Hand oder mit Hilfe einer Form, der sogenannten Matritze. Doch es wurden nicht einfach beliebige Figuren hergestellt und in den Heiligtümern verscharrt, sondern diese müssen eine Verbindung zum Kultgeschehen gehabt haben und lassen somit Rückschlüsse über die Art des Kultes und verehrte Gottheiten zu. So kann die Gottheit selbst als Terrakotte dargestellt sein. Funktion der Koroplastik war als sogenannte Votivgaben für ebendiese zu dienen. Dies funktionierte und funktioniert noch heute in neopaganer Praxis nach dem Prinzip "Gabe - Gegengabe" oder aus Dankbarkeit für von der Gottheit erbrachte Leistungen. Dieses Prinzip beschrieb erstmalig in der neuzeitlichen Forschung der französischen Ethnologe und Soziologe Marcel Mauss in seinem Werk "Die Gabe" 1924/25. Dieses Prinzip wird seither von einigen Archäologen, wie Rebecca Miller Ammerman, aufgegriffen.
In solchen Opferbeziehungen waren sowohl anthropomorpge Figurinengaben, vor allem Frauendarstellungen für die alten Griechen wichtig. Diese erscheinen als Darstellung der Lebensalter, sowie diversen gesellschaftlichen Rollen der Frau: Als Mädchen, Jungfrau, Braut, Hausherrin und Mutter. Dabei stellt sich die Frage: Sind hier die Opfernden oder die Gottheit dargestellt? Aufgrund von Ähnlichkeiten vieler weiblicher Darstellungen zu anderen orientalischen Göttinnen, vor allem in Ionien, wie der oft nackten Astarte, die ihre Brüste hält, legt der derzeitige Forschungsstand nahe, dass es sich dabei immer um weibliche Gottheiten handelt. Dass daneben Männerdarstellungen so selten sind, unterstreicht diese These noch einmal. Knabendarstellungen, wie in der Großplastik sind in der Koroplastik nicht aufzufinden. Dafür hält sich hier ein Typus, der auch in Stein auftaucht: Der lagernde Zecher: Ein wohlgenährter, liegender Mann mit Trinkhorn. Dieser zeichnet Kultteilnehmer als Mitglieder der Symposionskultur aus.
Weiterhin üblich als Weihgaben in den Heiligtümern waren Tierfiguren. Am häufigsten dabei: Pferde und Rinder. Das Rind, insbesondere der Stier bildet somit das wichtigste Opfertier im griechischen Kult ab. Eher von untergeordneter Bedeutung waren Opfertiere, wie Widder, Hirsche, Hähne und Gänse, die sich dementsprechend eher selten finden lassen. Weiterhin können von einer Gottheit bevorzugte oder Attributtiere auftauchen, wie Eule und Adler, was jedoch ebenfalls der Sonderfall bleibt. Pferde bilden im Fundkomplex oft Gespanne, liegen an Gefäßen an oder bilden zusammen mit Reitern eine figürliche Einheit. Doch nicht nur so alltägliche diesseitige Themen kommen in Heiligtümern vor, auch wenn diese den Großteil des aufgefundenen Terrakottenmaterials bilden. Mischwesen und Dämonen sind eine weitere Thematik, die jedoch in der steinernen Bauplastik viel mehr Verwendung fand. So bilden sich in Ton eher Gruppen kultcharakteristischer Gegenstände, wie Masken mythologischer Wesen und Dämonen aus den Kultspielen. Hierbei war neben Holz Terrakotta ein preiswertes und leichtes Material, das den Wesenheiten Ausdruck verlieh. Daneben gab es Bälle, Astragale, sowie Symbole des Kultes selbst und der dazugehörigen Götter im selbigen Kontext. Ähnlich, wie im alten Ägypten, gab es auch in Griechenland Opfergaben aus unvergänglichen Materialien, in diesem Fall, wie gehabt, aus Ton. Trauben bilden hierbei als Sonderfall gleichzeitig noch ein Symbol für den Dionysos als fröhlicher Gott des Rausches und der Lust.

    Archaische Koroplastik im Grabkontext
    Neben Gefäßen des alltäglichen Gebrauchs finden sich auch Terrakotten in den Gräbern der alten Griechen. Entweder stammten diese aus dem persönlichen Besitz des Verstorbenen oder wurden speziell für den Grabritus, womöglich sogar für ein Nachleben in der Unterwelt, angefertigt. Dabei ist auffällig, dass fast alle bekannten Terrakottenformen aus Heiligtümern ebenso in Gräbern auftauchen: Ob Tiere von einheimisch bis exotisch (z.B. auch Affen und Giraffen), über Reiterfiguren, als Anzeiger von Stand und Status zu Lebzeiten, bis hin zu weiblichen Sitzfiguren (Hausherrin oder  thronende Göttin mit Götterkrone). Die sitzende Göttin kann hierbei in ihrer Schutz- und Zugehörigkeitsfunktion agieren. Bei den anthropomorphen Darstellungen treten noch Darstellungen von Körperteilen, wie zum Beispiel Beigabengefäße in Form von Beinen, hinzu, die im Heiligtumskontext erst mit dem Hellenismus und dem aufstrebenden Asklepioskult beliebt werden. Weibliche, geschmückte Figuren können unter anderem die Aphrodite darstellen und auch amoureuse oder erotische Gedanken der Hinterbliebenen an die Verstorbenen richten. Im Grab werden solche Körperteile als Hinweis auf Teilnehmer der griechischen Sportkultur oder als medizinische Beigaben gedeutet. Neben dem Reiter als Standeshinweis ist auch im Grab der lagernde Zecher präsent. Hinzu treten, entgegen dem Bild aus Heiligtümern, Motiviken der Vasenmalerei, wie Klagefrauen, Dienerinnen, Gabenträger mit Kröben, weiße Pferde und Schimmel. Der Erhaltungszustand vieler Terrakotten (und vor allem deren Bemalung, falls nicht glasiert) lässt leider kein Urteil darüber zu, ob auch besonders weiße Pferde in Heiligtümern eine Rolle gespielt haben können, jedoch lässt sich hierauf kein Hinweis in anderen Fundgattungen finden. Das Auftauchen heller Pferde im Heiligtum wird demnach unabhängig von dieser Bedeutungsebene interpretiert. 
    In Kindergräbern finden sich in der Koroplastik Puppen als Beigabe eines typischen Spielzeuges, die auch Gelenkscharniere haben können. Solche Funde können in Heiligtümern ausgeschlossen werden.
    Als mythologische Wesen finden sich klagende Sirenen, Mysen als Hoffnungsträger, deren Interpretation der Vasenmalerei, sowie der Überlieferung des Hesiod und Homer entlehnt wird. Ein besonderer Typus ist der sogenannte dickbäuchige Dämon (2. Figur von links), dessen Bedeutung vielfältig untersucht wurde. Eine Herleitung entstammt vom äygptischen Gott Bes, eine andere vom Ptah-Embryo, der von den Griechen eine ganz eigene Bedeutung in Interpretatio Graeca, als wohlgenährter Junge oder grotesk-spaßiger Dämon mit Schutzfunktion übernahm. 
    Im Grabzusammenhang tauchen Masken als Hinweis auf Schauspieler, Kultteilnehmer, oder ebenfalls als magischer Schutz auf.


    Kontexte
    In der frühen Archaik werden in beiden Fundkontexten vollplastische Terrakotten verwendet, zu denen in einer künstlerischen Entwicklung hohl gedrehte und mit Hilfe von Matritzen hergestellte Figuren treten. Ab dem 6. Jahrhundert v. u. Z. kommen figürliche Gefäße und Gefäßfiguren hinzu. In Gräbern nutzte man sie vor allem als Ölgefäße, wobei Terrakotten in beiderlei Kontexten als Gaben dienen: Bei Heiligtümern als Votive und in Gräbern als Grabbeigaben. Es lassen sich gleiche Typen auffinden, die jedoch im jeweiligen Fundumfeld mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen werden können. Grabterrakotten beziehen sich vielfach auf Lebensalltag, Status, Trauer, Hoffnung, Bestattungsritus, Zugehörigkeit und Schutzbeziehungen, während sich Heiligtumsfunde meist auf Opfer- und Festkult, sowie die Gottheit an sich beziehen. Übereinstimmend ist dabei jeweils die Möglichkeit einer zeremoniellen Verwendung der Koroplastik. Frauendarstellen werden überall und hauptsächlich thematisiert. Darstellungen von Männern sind sehr selten. Verbindungen zwischen Heiligtum und Grab können sich auch regional bilden, wenn Verehrer an einer regionalen Kultstätte die jeweiligen Gottheiten als Zeichen ihrer Zugehörigkeit oder zum Zwecke des Schutzes mit ins Grab bekommen. Dies ist am Beispiel des Heraheiligtums in Samos und dem Grabfund eines thronenden Paares, das als Hera und Zeus interpretiert wird, belegt. 
    Nun zu den deutlichen Unterschieden: Trauer und Hoffnungsmotivik findet sich ganz klar nicht in der Form in Heiligtümern und Gelenkfiguren treten niemals in der Funktion des Spielzeuges im Heiligtum auf. Der bedeutenste Unterschied ist wohl die jeweilige Bedeutung der Terrakotten für ihre Kultgemeinschaft, was sich freilich nicht so leicht archäologisch fassen lässt und daher anderer Quellen bedarf.







    Quellen

    Bildquelle:
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Europa_bull_Louvre_MNC626.jpg
    public domain

    Literatur:
    P. Gercke, J. Fabricius, J. Boehlau: Samos. Die Kasseler Grabung 1894 in der Nekropole der archaischen Stadt, Kassel 1996.
    D. Boehringer: Heroenkulte in Griechenland von der geometrischen bis zur klassischen Zeit, Belin 2001.
    F. W. Hamdorf (hrsg.): Hauch des Prometheus, Meisterwerke in Ton, München 1996.
    F. Isik: Die Koroplastik von Theangela in Karien und ihre Beziehungen zu Ostionien zwischen 560 und 270 v. Chr, Tübingen 1979.
    V. Jarosch: Samische Tonfiguren des 10. bis 7. Jahrhunderts v. Chr. aus dem Heraion von Samos, Bonn 1994.
    B. Neutsch: Studien zur Vortanagräischen Koroplastik, Berlin 1952.
    R. Miller Ammerman: The religious context of hellenistic terracotta figurines, In: Uhlenbock, Jaimee, P. (hrsg.), The Coroplast's Art, Greek Terracottas of the Hellenistic World, New York 1990.

    Internetquellen:
    http://www.ascsa.edu.gr/pdf/uploads/hesperia/148131.pdf – Grabtypen: 16.11.2013
    http://www.gottwein.de/Hell2000/grab001.php – Dachterrakotten: 16.11.2013
    Prof. Dr. Volkmar von Graeve: Terrakotten aus dem Aphroditeheiligtum
    http://www.ruhr-uni-bochum.de/milet/in/terracot-arch.htm – 16.11.2013
    http://stamer-reflex.com/files/Die%20Philosophie%20der%20Gabe_0.pdf – die Gabe: 13.12.2013

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