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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Freitag, 28. September 2012

Rituelle Bemalung in Schneidemühle bei Zeitz

Wieder wird es archäologisch auf NebelALLraunen... wir befinden uns gedanklich in der Zeit der Linienbandkeramik (LBK) und der Menschen der Jungsteinzeit (Neolithikum) in Mitteldeutschland. Hier gibt es zahlreiche Fundorte dieser Zeitstellung mit durchaus hoher magisch-spiritueller Bedeutung, von denen einige im Artikl zu den kultischen Äußerungen des Frühneolithikums genannt worden sind.

Ein weiterer Fundplatz von Gegenständen zur rituellen Bemalung befindet sich auf einem südöstlich verlaufenden Geländesporn oberhalb der Aga in Schneidemühle, dem nordöstlichen Teil Breitenbachs bei Zeitz (im Süden Sachsen-Anhalts). Dieser wurde in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts bei Schuppenbauarbeiten entdeckt und war einst ein Dorf der Linienbandkeramikkultur. Die darin enthaltenen Siedlungsgrubenverfüllungen verbargen zahlreiche Rötelstücke, die die Grundlage der Herstellung einer Vielzahl von Farben dieser Zeit bilden, wobei es sich natürlich hauptsächlich um Abstufungen der Farbe Rot handelt. Des Weiteren fand man Scherben zweier keramischer Objekte, von denen eines höchstwahrscheinlich Überbleibsel roter Farbe enthielt, worauf diese Reste einer chemischen Untersuchung unterzogen wurden. Die Untersuchungen mit Hilfe der Pulverdiffraktometrie und der Röntgenfluoreszenzanalytik bestätigten die choloristische Vorprüfung der Archäologen: Das Gemisch bestand zu etwa 20 Prozent aus Eisen(III)-Oxid, was eine typische Zusammensetzung für Rötelfarben ist.
Die dazu entdeckten Gefäße sind auch nicht weniger interessant: Beim Ersten handelt es sich um einen dreiviertelkugeligen Kumpf mit rundem, leicht abgeflachtem Boden, jedoch ohne Standfläche, der ehemals 21 cm hoch und 29 cm breit war. Plastische X-Leisten, mit Knubben in deren Mitte, befinden sich auf seiner Obefläche. Eingeritzte Linienbänder begleiten diese Verzierungen, deren Freiflächen senkrechte Leisten füllen. Alle Leisten werden von geritzten Linien flankiert, auch begleitet von Stichanordnungen an den Enden. Des Weiteren überziehen Bänder aus senkrechten Strichen das ins Ende des 6. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung datierte Keramikgefäß. Farbspuren konnten jedoch nur auf dem zweiten Objekt, das nur teilweise zusammengesetzt werden konnte, geborgen werden und sehr große Ähnlichkeiten zum Kumpf aufwies, sich jedoch als eine Art Schälchen herausstellte. Fast dessen ganze Innenfläche war voll roter Farbe, sowie die daran anhaftende Erde, was auf eine sekundäre Verwendung als eine Art Malpalette schließen lässt. Dennoch bleibt unklar, ob es eine zweckmäßige Verbindung zwischen den zwei Gefäßen gab.
Die aufgefundenen, feinkörnigen Farbreste sind cremerosa im trockenen Zustand, wie sie sicherlich bei Ritualen verwendet worden sind.Solch eine Farbgebung erinnert stark an die von den Frauen getragenen Spondylusmuscheln, die womöglich mit der weiblichen Fruchtbarkeit und Liebe in Verbindung stehen. So könnte dieser Farbton im selben oder ähnlichen Kontext stehen. Im feuchten Zustand wirkt die Farbmasse eher rostbraun und hat eine deutlich höhere Qualität und Feinheit, als der Rötel, aus dem sie hergestellt wurde.
In Europa ist Rötel der am häufigsten vorkommende Rohstoff, um Farbpulver herzustellen, was es viel einfacher machte als aus der Ferne zum Beispiel Zinnober zu improtieren, sofern dies überhaupt bekannt war.
Vermutlich spricht die ausgeprägte Kunstfertigkeit und Ästhetik der Menschen der Linienbandkeramikkultur nicht nur für ein weit entwickeltes Bedürfnis das Natürliche durch Neukombination und Innovation zu verbessern, es reizvoller und begehrlicher zu machen, sondern auch für die potentielle Intention positive Einflüsse, Ereignisse und Wesen, womöglich aus andersweltlichen Sphären, anzuziehen, in das alltägliche Leben einzubeziehen, die ebenso eine Vorliebe für das Schöne haben und diese Linien, Striche und Knubben zu deuten wissen. Auf diese Weise mag so manches verzierte Gefäß, sowie auch die Körperbemalung, dazu genutzt worden sein Willen, Kräfte und Geister zu binden, um Notzeiten zu überstehen und günstige Umstände zu fördern, wie sie ackerbauende Kulturen für ihr landwirtschaftlich geprägtes Leben benötigen. Besonders die Beeinflussung des Wetters, die Sicherung und Vertiefung gesellschaftlicher Bande, wahrscheinlich auch der Liebe, wird bei den Riten dieser Zeit eine der Hauptrollen gespielt haben.


Zusatzinformationen:
Rötel wird wegen seiner blutähnlichen Färbung auch Blutstein genannt, Englisch "sanguine". Doch nicht nur dessen Farbe erinnert an Blut, sondern auch dessen Zusammensetzung: Eisen und Sauerstoff. Umso logischer erscheint es nun, dass Rötel durchaus auch beim späteren germanischen Ritus des Blotens, des magischen Ladens von Runen, als Blutersatz Verwendung fand. Dazu wurden die Runen mit einer rötelhaltigen Farbe ausgemalt. Diese bot und bietet dieselben magischen Eigenschaften, wie der rote Lebenssaft und ist somit eine auch echte Alternative für moderne Heiden und Magietreibende.


Quellen:
Wunn, Ina: Götter, Mütter, Ahnenkult : Religionsentwicklung in der Jungsteinzeit, Leidorf 2001, S. 20, 21, 56 – 62.
http://www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/fund_des_monats/2011/august/


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