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Rekonstruierte/Experimentelle Kulte

Sonntag, 30. September 2012

Die Sonderbestattungen und das Erdwerk von Herxheim

Als Fortsetzung zur Thematik der kultischen Äußerungen des frühen Neolithikums, anschließend an den Artikel zur rituellen Bemalung in Schneidemühle bei Zeitz, folgt nun ein weiterer bedeutender Ort der Austragung linienbandkeramischer Kulte: 






Ein weiterer Fundplatz kultischer Hinterlassenschaften ist die bandkeramische Siedlung mit umgebender Grubenanlage in Herxheim bei Landau (Pfalz), der im Jahr 1995 zum neuen „Gewerbegebiet West“ ausgewiesen worden war. Auf diesem Gelände waren schon zuvor annähernd 20 Lesefundstellen bekannt, einige auch mit Funden aus dem Neolithikum. Um mögliche Zerstörungen bei der zukünftigen Bebauung vorzubeugen, wurden die Siedlungsbereiche großflächig ergraben. Grabungen in den Jahren 1996 bis 1999 brachten ein Erdwerk mit absichtlich deponierten Menschenschädeln, -kalotten und -skeletten zutage, die außergewöhnlich behandelt worden waren. Dazu bot sich eine Fülle an aufwendig verzierter Linienbandkeramik, Silexklingen und weiteren Gegenständen aus Stein und Knochen. Bedauerlicherweise war der Erhaltungszustand eines Teils der Siedlung stark durch Erosion beeinträchtigt. In diesen Bereichen konnten ausschließlich die gewöhnlichen Hauspfosten mit begleitenden Gruben ausgemacht werden. Zusätzlich gab es auch gewöhnliche Hockerbestattungen in Siedlungsgruben, sowie im Graben des Erdwerks. Insgesamt beliefen sich erste Schätzungen auf mindestens 450 Individuen aller Altersklassen und Geschlechter auf einem Drittel der ursprünglichen Siedlung. Gemeinsam mit den noch nicht ergrabenen Bereichen könnten laut Hochrechnungen etwa 1350 Leichen auf dem gesamten Gebiet bestattet sein. Interpretativ wurden zahlreiche Thesen zur Befundsituation formuliert: So sollte die gesamte Anlage in die jüngste Linienbandkeramik eingeordnet werden, was jedoch von Ch. Jeunesse widerlegt wurde. Die Siedlungsgründung liegt damit schon etwa um 5300 vor unserer Zeitrechnung, also in der älteren Linienbandkeramikzeit, wurde aber bis in die jüngere LBK pausenlos weitergeführt. Jedoch erst in der Spätzeit der linienbandkeramischen Besiedlung wurden die besonderen Einbringungen von Keramik vorgenommen, was auf einen Nutzungswechsel des Erdwerkes schließen lässt.
Wie Katja Schmidt's Untersuchungen gezeigt haben, gibt es offenbar unterschiedliche Erdwerkstypen, die sich in Größe, Form und Zahl der Bauelemente, sowie in der einstigen Nutzung unterscheiden, jedoch wohl oft als Kommunikationszentren mit ritueller Ausrichtung dienten. Die Nutzung solcher besonderer Stätten war doch recht weit verbreitet, sodass der Befund eines Erdwerkes heute kein seltener Umstand mehr ist. Manche solcher Bauwerke umfassen eine ganze Siedlung, was möglicherweise auch auf eine Art dörfliches Heiligtum hinweisen könnte. Ein Vergleich einer solchen Vorstellung mit späteren Epochen wäre das panhellenische Heiligtum Olympia in Griechenland. Andere Erdwerke sind im Inneren völlig leer. Doch es gibt weit mehr als kultische Interpretationen derartiger Anlagen: Viehkral, fortifikatorisches Bauwerk, Handels- und Versammlungsplätze sind weitere Deutungen, die aus Bauwerken späterer Zeiten abgeleitet sind. Sicherlich könnte man durchaus auch teilweise von einer vielseitigen Verwendung des Erdwerkes ausgehen, so wie auch heute ein Bautyp nicht zwingend seine tatsächliche Nutzung erkennen lassen muss.
D. Raetzel-Fabian kam zu dem Schluss, dass man Erdwerken generell keine Funktion zuordnen könne, da selbst ihre Architektur oft stark abweiche. Das gemeinsame Merkmal sind allein die Gräben, deren Errichtung eine große Bedeutung gehabt haben muss, selbst wenn es erst einmal nur um die Trennung, einen Ausschluss oder eine Abgrenzung von der Außenwelt geht, einen „umfriedeten Raum“. Allgemein steht seiner Ansicht nach eher der ideologische Wert der nutzenden Gesellschaft bei diesem Bauwerktypus im Vordergrund. Eine nachgewiesene Hauptnutzung ist das Abhalten von Totenritualen. Doch aus rein archäologischer Betrachtungsweise kommt man hier zu keinem genauen Ergebnis, weshalb es auch durchaus von Bedeutung ist hier die Religionsgeschichte mit einzubeziehen. So stellte in traditionellen Kulturen der Tod keineswegs das Ende der Existenz dar, sondern eine erneute andersweltliche Geburt, den Eintritt in ein jenseitiges Land. So war das Betreten des Erdwerkes zu lininenbandkeramischer Zeit wahrscheinlich gleich zu setzen mit dem Übergang in die Anderswelt, wobei man dort mitunter auch wohnen und leben konnte, nachdem man rituell rein geworden war. Doch hier konnten nicht nur die Lebenden verweilen, sondern auch die Verstorbenen, die Ahnen, mit denen nun Interaktionen besonders gut möglich waren. Die Geographie zwischen Diesseits und Jenseits wurde diesenorts bewusst manipuliert, ja ein heiliger Bereich geschaffen. Die ungewollte Überschreitung der Grenze eines solchen Übergangsortes durch Ungeweihte, unreine Personen wäre ein Sakrileg und musste durch einen Graben verhindert werden, damit die darin wohnenden transzendentalen Wesen nicht negativ tangiert, oder schlimmer, sogar die Verbindung zum Andersweltlichen zerstört werden würde. Solch ein Hindernis konnte von anderen Personen als tabuisierte Grenze erkannt und umgangen werden. Die Gräben dienten, zu dem bereits Genannten, vielleicht als Opfer- und Abflussrinnen, betrachtet man den praktischen Wert weiterführend. Möglicherweise war das Erdwerk sogar Schlüssel zur Aufrechterhaltung der geistigen Ordnung der damaligen Gesellschaft, im Diesseits wie im Jenseits und somit sicherlich auch mit den Jahreszyklen und astronomische Gegebenheiten verknüpft. Die lokal unterschiedlichen Baumerkmale dieser Anlagen werden auf eine Vielzahl regional besonderer Gegebenheiten zurückgehen, die sicherlich auch von andersweltlichen Wesen, wie verehrten Gottheiten, abhängig sind. Doch kommen wir wieder zu den archäologischen Gegebenheiten: So war, wie Katja Schmidt nachweisen konnte, das Erdwerk in Herxleben durch an einer Trasse angelegte nicht durchgängige Gräben mit Eingangsöffnungen nach dem „Modell Rosheim“ von Christian Jeunesse umgeben. Jeunesse definierte in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts den Typus Erdwerk im Nordelsass. Der ursprüngliche Gedanke zur Rekonstruktion der Anlage ging in die Richtung zweier parallel umlaufender Gräben mit den üblichen Toröffnungen.
Das Herxheimer Erdwerk hatte eine extrem lange Betriebszeit und durchlebte damit auch zahlreiche Umbauten, die seit der Anlage der ersten Langgruben gemeinsam mit den frühen Häusern dieser Siedlung stattfanden. Zwei der Eingänge des innersten Ringes wurden von Anfang an geplant und durchgängig so belassen. Diese liegen sich direkt gegenüber. Zudem existiert ein später angelegter zweiter Ring. Beide unterscheiden sich in der Fundkonzentration, vor allem an menschlichen Knochen, sowie in der Größe der einzelnen Langgruben. Anhand verschiedener Bohrungen und der Errichtung modernen Bauten konnte der weitere Verlauf der Gruben rekonstruiert werden. Die äußeren 40 Gruben, mit einer Gesamtlänge von 182 Meter erreichen nicht die Tiefe und Breite der 11 Inneren mit 58 Meter Länge. Die Langgruben bilden dabei zwei unterschiedliche Typen aus: Spitze, schmale und leicht gebogene Gruben, sowie flache, breite und gerade Verlaufende. Natürliche Lößverfüllungen lassen darauf schließen, dass sie eine längere Zeit offen der Witterung ausgesetzt waren.
Die besonderen Deponierungen im Erdwerk könnten auf rituellen oder ernährungsbedingten Kannibalismus hinweisen, obwohl dies zunächst bezweifelt wurde, das Resultat eines großen Massakers oder einer groß angelegte Sekundärbestattung sein, die ganz sicher in einem rituellen Kontext verlief. Weiterhin wäre auch ursprünglich eine Dekarnation im Sinne einer Art Luftbestattung denkbar gewesen, was möglicherweise auch einen Opfercharakter gehabt haben könnte. Eine eindeutige Antwort auf die Frage was im Erdwerk Herxheim genau vorgefallen ist, konnte bis jetzt noch nicht gegeben werden, doch die Beweise zeigen immer mehr eine Richtung auf. So belegte Bruno Boulestin durch die Funde der neuen Grabungen, dass sich ganz sicher gezielte Körperzerlegungen, wie Knochenzerschlagungen, Heraustrennen der Wirbelsäule und fehlende Skelettteile, nachweisen lassen. Das alles gleicht dem Bild einer Tierschlachtung, weshalb eine kultische Opferhandlung und die gezielte Verspeisung von Menschen, die auch im Sinne einer spirituellen oder körperlichen Kraftübertragung verlaufen kann, sehr wahrscheinlich wird. 
Für eine kriegerische Handlung vor der Zerlegung ließen sich keinerlei Hinweise finden, was die Massakerthese ausschließt. In irgendeiner Form muss hier auf jeden Fall eine Nahrungsgewinnung stattgefunden haben, zu welchem Zweck auch immer. Wer die Geopferten waren lässt sich leider nur schwer erahnen. Waren es feindliche Gefangene, Straftäter oder womöglich speziell, göttlich oder wahllos ausgewählte Personen? Das wird wohl noch länger ein Rätsel bleiben. Dafür konnte der Todeszeitpunkt der so zugerichteten Menschen ungefähr durch die Schnitt- und Bruchspuren am Skelettmaterial festgestellt werden. So muss der Tod kurz vor der Zerstückelung eingetreten sein, was wiederum die Bestattungsthesen widerlegt. Nur einige postmortale Brüche lassen bisher noch Fragen über deren Ursache offen.


Die Tötung der Erdwerksopfer lässt sich aufgrund von Läsionen im Bereich des Oberkopfs auf unterschiedliche stumpfe oder möglichwerweise halbscharfe Objekte zurückführen. Die später während der Opferhandlung zugefügten Schädelzerschlagungen lassen ein gewisses Vorgehensmuster erkennen, das bei fast allen Funden zutrifft: Es wirkten je zwei Schläge auf die Schädelseiten und in etwa drei auf die Stirn, um einen Bruch in einen oberen und unteren Schädelteil zu erreichen. Zusätzlich wurden bei ungefähr einem Zehntel auch Schnittspuren an der sagittalen Linie entdeckt. Selbst oberhalb der Orbita wurde vereinzelt in die Stirn eingeschnitten, wohl um die Kopfhaut abziehen zu können. Doch auch die restliche Körpermanipulation hatte System: So wurden gerade viele Langknochen zu Splittern geschlagen, was das Mark freigelegt hat. Schnittspuren gab es reichlich am restlichen Körper, um das Fleisch und die Weichteile herauszutrennen. Das Skelett von Hand und Fuß sind deutlich selten in den Funden vertreten. Möglicherweise wurden bewusst bestimmte Körperteile für die Beisetzung ausgewählt. Tierbisse finden sich am Knochenmaterial so gut wie keine, sodass man davon ausgehen kann, dass die Opfer schnell bestattet worden sind. Keiner der Bestatteten litt an Unterernährung oder ähnlichen Notlagen, bei denen Kannibalismus für das Überleben notwendig gewesen wäre. Deshalb ist hier sehr deutlich auf ein sehr groß angelegtes Opferritual zu schließen. Solch ein Fund ist für die Linienbandkeramikzeit bis jetzt einmalig.
Heute wird solch ein Vorgang meist als schrecklich, grausam und barbarisch gewertet, wobei wir darauf achten sollten, dass wir den Menschen der Linienbandkeramikzeit nicht unsere eigenen Vorstellungen und Denkweisen aufzwingen, die diese gar nicht vertraten. Höchstwahrscheinlich sahen die Opfernden und womöglich auch die Opfer dieses Ritual als etwas Positives an, das viele Vorteile versprach. So kann selbst der Opfertod erwünscht und erstrebenswert gewesen sein, wenn die so behandelten Personen damit besondere andersweltliche Vorzüge erlangen konnten, wie beispielsweise an der Seite von bestimmten Gottheiten leben zu dürfen, oder gar selbst göttliche Kräfte zu erlangen. Selbst heutzutage ist in unserer modernen Gesellschaft die Selbstopferung, das Aufopfern für eine größere Sache, eine alltägliche Vorstellung, die gerade im beruflichen Alltag immer wieder, selbst gegen den Willen der Beschäftigten, verlangt, ja erzwungen wird. Das Märtyrertum bringt bekanntlich nicht nur jenseitige Vorzüge, sondern durchaus auch gesellschaftliche Anerkennung im jeweiligen Kulturkreis, wenn man so etwas mal ganz unwertend betrachtet. Problematisch wird solch eine Selbstaufopferung nur, wenn für das sich opfernde Wesen nicht der versprochene Vorteil eintritt und/oder Nachteile für Dritte aus dieser Sache erwachsen. Das ist im Gegensatz zur Zeit der Linienbandkeramik heute leider gar nicht so selten... denken wir nur an die oft mit großen Worten angekündigten Aufstiegschancen als Lohn für das Selbstopfer, die christliche Kirche oder den Islam... nur leere Worte, gesprochen von selbstgefälligen Diktatoren, die andere für sich über die Klippe springen lassen. Und das in unvorstellbaren Massen....





Quellen:


Haack, Fabian: http://www.projekt-herxheim.de/grubenanlage.htm - entnommen am 28.09.2012, 17:15. 


Haidle, Miriam N.; Orschiedt, Jörg; Zeeb-Lanz, Andrea: http://www.projekt-herxheim.de/menschen.htm, 2009, entnommen am 21.09.2012, 15:03. 


Vosteen, Markus: „Der umhegte Raum“ - eine theoretische Überlegung zu einer nicht nur jungzeitlichen Erscheinung, 2000, http://www.jungsteinsite.uni-kiel.de/2000_vosteen/raum.htm, entnommen am 22.09.2012, 13:17. 


Zeeb-Lanz, Andrea: projekt-herxheim, http://www.projekt-herxheim.de/, 2010, entnommen am 28.05.2012, 20:05. 


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